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Der Katholizismus

Im Chinesischen hat das Wort "Jidujiao" (Christentum) zwei Bedeutungen. Zum einen versteht man darunter alle Religionsgemeinschaften, die Jesus als Erlöser verehren. Damit sind die drei großen Konfessionen: der Katholizismus, die Orthodoxie, der Protestantismus und einige andere kleinere Sekten gemeint. Andere verstehen unter "Christentum" aber nur den Protestantismus.

Im Vergleich zum Buddhismus und Islam wurde das Christentum in China nur schwer eingeführt. Im 7. Jahrhundert drang mit dem Nestorianismus die erste christliche Sekte nach China vor, die von den Chinesen "Jing Jiao" genannt wurde. In Xi´an findet man noch heute eine Stele, die von Anhängern des Nestorianismus errichtet wurde und dokumentiert, dass der Nestorianismus in der Tang-Dynastie zuvorkommend behandelt wurde. Als aber Mitte des 9. Jahrhunderts der Buddhismus auf kaiserlichen Befehl unterdrückt wurde, ging man auch gegen den Nestorianismus vor, was zu seinem Verschwinden im Landesinneren Chinas führte.

Der Katholizismus kam in der Yuan-Dynastie (1271-1368) nach China. Im Jahr 1294 kam Giovani da Montecorvino, Missionar des Franziskanerordens im päpstlichen Auftrag nach Dadu, dem heutigen Beijing. Mit Erlaubnis der Yuan-Dynastie errichtete er eine Kirche in der Hauptstadt und erhielt sogar ein Gehalt vom chinesischen Kaiserhof. In der Yuan-Dynastie bekannten sich einige mongolische Adlige und ausländische Händler zum Katholizismus. Mit dem Sturz der mongolischen Herrschaft im Jahr 1368 wurde auch der Katholizismus in den zentralen Gebieten Chinas beseitigt.

Mit der kolonialen Expansion des Westens wurde der Katholizismus im 16. Jahrhundert erneut in China eingeführt. Matteo Ricci, ein Missionar italienischer Abstammung, hat die Grundlage für die Verbreitung des Katholizismus in China gelegt.

Nachdem Macao im Jahr 1554 zu einem festen Stützpunkt der Portugiesen geworden war, entwickelte sich diese Stadt Schritt für Schritt zum Missionszentrum des Katholizismus im Fernen Osten. 1582 kam Matteo Ricci auf Befehl von Alexandre Valigani (1538-1606), dem Inspektor des Jesuitenordens im Fernen Osten, nach Macao, um dort Chinesisch zu lernen. Vor seiner Abreise hatte Alexandre Valigani entsprechend der damaligen Situation die Missionspolitik des Jesuitenordens in China revidiert. Er hob die Bestimmung auf, wonach nur Latein als Kirchensprache galt, und erklärte auch den Verzicht darauf, nur die Sitten und Gebräuche des Westens in religiösen Zeremonien gelten zu lassen. Die Missionspolitik legte nun großen Wert auf das Erlernen der chinesischen Sprache und Kultur, um den Sitten und Gebräuchen der Chinesen zu entsprechen.

Im Jahr 1583 kam Matteo Ricci in Guangdong an. Er schloss Bekanntschaft mit chinesischen Beamten und Literaten. Im Alltag orientierte er sich an der Lebensweise und den Gepflogenheiten der Chinesen. Hatte er sich anfangs die Haare scheren lassen, eine Mönchskutte getragen und sich als "Mönch aus dem Abendland" bezeichnet, ließ er kurze Zeit später sein Haar wieder wachsen und sich einen Bart stehen. Er zog die Mönchskutte aus und trug stattdessen konfuzianische Kleidung, als er die dominierende Stellung des Konfuzianismus in China erkannte. Neben seiner Missionstätigkeit studierte und übersetzte er viele konfuzianische Werke. Der langjährige Aufenthalt in China hatte ihn davon überzeugt, dass der Katholizismus in China nur mit kaiserlicher Erlaubnis eine Chance haben würde. Darum nutzte er alle Gelegenheiten, sich dem chinesischen Kaiser anzudienen. Als er im Jahre 1601 in Beijing ankam, überreichte er dem Kaiser eine Bibel, Uhren mit Stundenschlag, Musikinstrumente, Gemälde, auf denen Gott und Maria zu sehen waren und ähnliche Dinge. Weil er zunächst Uhren für den Kaiserhof reparierte, wurde ihm vom Kaiser der Aufenthalt in Beijing gestattet. Wegen seines reichen astronomischen und geographischen Wissens stieg er bald zum kaiserlichen Ehrenmandarin auf. Mit Erlaubnis des chinesischen Kaiserhofs konnte er eine Kirche einrichten und den Katholizismus verbreiten.

Matteo Ricci und die ihm folgenden Jesuitenmissionare versuchten die katholische Lehre mit den konfuzianischen Ideen zu harmonisieren. Sie respektierten die traditionelle chinesische Kultur und die Sitten und Gebräuche der Chinesen. Und sie verbreiteten Wissenschaft und Kultur des Westens, um so die Missionierung voranzubringen. Dank ihrer Bemühungen fasste der Katholizismus schließlich festen Fuß in China. Als Matteo Ricci im Jahr 1610 starb, gab es in China schon mehr als 2000 getaufte Katholiken.

Neben dem Jesuitenorden kamen auch Angehörige anderer Orden nach China, um zu missionieren. Im Jahr 1637 gab es bereits mehr als 40000 chinesische Katholiken. Bis 1661 hatten außer in Yunnan und Guizhou die Missionare in den übrigen 13 Provinzen Chinas ihre Spuren hinterlassen.

Mitte des 17. Jahrhunderts kamen mit den missionierenden Orden auch Vertreter der Kolonialmacht Frankreich nach Asien. Die Römische Kurie beschloss zu dieser Zeit, das Missionsgebiet Asien, das bis dahin das Feld der portugiesischen Kirche war, in Bezirke aufzuteilen, die in die Zuständigkeit der spanischen, französischen und italienischen Missionare fielen. Nun rangen die drei europäischen Kolonialmächte um Einflussspären in Asien und besonders in China, wobei sie selten Konzessionen machen wollten und auch häufig untereinander Streit bekamen.

Seit alters war es Tradition in der chinesischen Feudalgesellschaft, den Ahnen Opfer darzubringen und die Lehren des Konfuzius zu befolgen. Matteo Ricci war klug genug, dies zu begreifen und den Ahnenkult und die Konfuziusverehrung der chinesischen Katholiken zu tolerieren. Zwar gab es damals im Jesuitenorden auch Meinungsverschiedenheiten über das Ausmaß der Toleranz, doch wurden darüber keine heftigen Auseinandersetzungen geführt. Aber nach Ankunft spanischer und französischer Missionare, die auch von anderen Orden nach China entsandt wurden, kam es, vor allem in Europa, zu immer heftiger werdenden Streitigkeiten zwischen den einzelnen Richtungen des Katholizismus in Bezug auf die von Matteo Ricci praktizierte Toleranz. In die Geschichte des Katholizismus ist dieser Meinungsstreit als "Streit über die chinesischen Riten" eingegangen.

Anfangs schwankte die Römische Kurie noch in diesem Streit, der das Schicksal des Katholizismus in China bestimmen sollte. Aber schließlich nahm sie den Vorschlag spanischer und französischer Missionare an, was zur Folge hatte, dass der römische Papst 1704 den chinesischen Katholiken verbot, ihre Riten weiter zu praktizieren. Um diesem Verbot, besonders dem der Ahnen- und Konfuziusverehrung, Nachdruck zu verleihen, reisten Gesandte nach China mit dem Auftrag, es umfassend durchzusetzen. So verhandelte die Römische Kurie mit der chinesischen Regierung über das Praktizieren der Riten durch missionierte Chinesen. Das musste natürlich zu einem Konflikt zwischen dem Kaiserhof und dem Papst führen. Weil die Römische Kurie unnachgiebig daran festhielt, den chinesischen Katholiken die Befolgung chinesischer Riten zu verbieten, untersagte der Qing-Kaiser Kangxi im Jahre 1720 die weitere Propagierung des Katholizismus. Dieser Befehl behielt in den folgenden 100 Jahren seine Gültigkeit.

Die Römische Kurie erlaubte also ihren chinesischen Gläubigen nicht, an den Zeremonien zur Ahnen- und Konfuziusverehrung teilzunehmen. Das führte dazu, dass die Kirche zahlreiche ihrer Anhänger verlor, von denen viele zur chinesischen Intelligenz zählten. Die Kluft zwischen der chinesischen Elite und der katholischen Kultur vertiefte sich. Zwar kamen immer noch einige Missionare nach China, aber ihre Aktivitäten beschränkten sich meist auf eine gesetzwidrige Untergrundtätigkeit. Die Zahl chinesischer Katholiken sank von 300000 zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf 200000 am Anfang des 19. Jahrhunderts.

Im Jahr 1840 öffneten die westlichen Großmächte mit Kanonen das Tor Chinas und zwangen die Qing-Regierung, eine Reihe ungleicher Verträge mit ihnen abzuschließen. Die Römische Kurie nutzte über ihre Orden das Vordringen der Kolonialreiche in viele Gebiete Chinas aus, um nun wieder die Missionstätigkeit im Landesinneren voranzutreiben. Unter dem Schutz der ungleichen Verträge hatte sich der Katholizismus in China zu einer ausländischen Kirche gewandelt, die, gestützt auf die Politik der Kolonialmächte, die chinesische Regierung zwang, ihr de facto einen exterritorialen Status zu gewähren, so dass die Kirche alle Merkmale einer Kolonialmacht hatte. Außerdem bemühten sich westliche Missionare ständig um die Erweiterung der angemaßten exterritorialen Rechte, um zu erreichen, nicht nur sich selbst, sondern auch ihre chinesischen Anhänger außerhalb der Gesetze des chinesischen Staates zu stellen.

Im Jahr 1844 wurde der Huangpu-Vertrag zwischen der chinesischen und der französischen Regierung unterzeichnet. Laut diesem Vertrag war es Ausländern erlaubt, Kirchen in fünf Hafenstädten zu errichten. Die chinesischen lokalen Beamten wurden verpflichtet, diese Kirchen zu schützen. Im Dezember desselben Jahres hob die Qing-Regierung unter französischem Druck das Verbot des Katholizismus in ganz China auf. Im Tianjin-Vertrag, der im Jahr 1858 zwischen der chinesischen und der französischen Regierung unterzeichnet wurde, musste sich die Qing-Regierung damit einverstanden erklären, dass ausländische Missionare im Landesinneren Chinas ihre religiösen Lehren propagierten. Außerdem wurde festgelegt, dass früherer Besitz der katholischen Kirche, der vormals von der Qing-Regierung beschlagnahmt worden war, der Kirche wieder zurückzugeben sei. Die damals als Dolmetscher und Übersetzer tätigen französischen Missionare fügten selbstherrlich der chinesischen Ausfertigung des Vertragstextes noch Bestimmungen folgender Art hinzu: "Die französischen Missionare haben die volle Freiheit, Boden zum Bau von Kirchen und anderer kirchlicher Einrichtungen in allen Provinzen zu pachten oder zu kaufen." Mit dieser Fälschung des Vertragstextes schuf sich die Kirche eine "rechtliche Grundlage" für die widerrechtliche Aneignung chinesischen Bodens im Landesinneren.

Dass solche Verträge überhaupt unterzeichnet wurden, zeigt nur, dass durch politischen Druck Frankreichs dem Katholizismus in China zahlreiche Privilegien zugestanden werden mussten. Nicht nur die ausländischen Missionare genossen nach diesem Vertrag einen privilegierten Schutz, auch einfache Gläubige konnten so dem Zugriff der chinesischen Staatsgewalt entzogen werden. Der Rückgabe früheren Besitzes der Kirche folgte die Überlassung anderer Grundstücke. Nach über zehnjährigen diplomatischen Verhandlungen zwischen der Römischen Kurie und der portugiesischen Regierung einigten sich beide Seiten im Jahr 1856 darauf, die Missionsgebiete Beijing und Nanjing, die ehemals unter Patronat der portugiesischen Kirche gestanden hatten, in Missionsfelder Frankreichs umzuwandeln. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts erzwangen dann auch Deutschland und Italien für ihre Missionare in China den gleichen Schutz und die gleichen Rechte, wie Frankreich sie hatte. Die katholischen Missionare verdankten den Kolonialmächten Privilegien, die denen mittelalterlicher Kirchenfürsten ähnelten, solche Privilegien waren im Laufe der bürgerlichen Entwicklung Westeuropas bereits Schritt für Schritt beseitigt worden. Ausländische Bischöfe wurden in einigen Teilen Chinas kaiserliche Ehrenmandarine zweiten und dritten Ranges! Im Jahr 1899 wurde die Qing-Regierung gezwungen, ein Statut zum Empfang der Missionare durch lokale Beamte bekannt zu machen. Darin wurde offiziell anerkannt, dass katholischen Bischöfen die gleiche politische Stellung wie chinesischen Militärgouverneuren eingeräumt wurde!

Aufgrund dieser Entwicklung kehrten die katholischen Orden einer nach dem anderen nach China zurück. 1900 gab es in China 40 von der Römischen Kurie errichtete Pfarreien, 20 davon unterstanden missionarischen Einrichtungen Frankreichs. Die Zahl der Katholiken stieg auf 740000.

Aber die Konflikte zwischen dem Katholizismus und der chinesischen Gesellschaft verschärften sich und wurden immer heftiger. Es gab oft Konflikte bei Auseinandersetzungen zwischen einfachen Chinesen und westlichen Missionaren, die in der chinesischen Geschichtsschreibung als "Kirchenzwischenfälle" bezeichnet wurden. Für die Auseinandersetzungen gab es zahlreiche Gründe, einer der häufigsten lag darin, dass die Missionare durch die ungleichen Verträge Privilegien und "Exterritorialität" genossen, die nicht mit den Gesetzen Chinas in Übereinstimmung zu bringen waren. So eigneten sich die Orden gewaltsam Boden und andere Güter an, um Kirchen oder Missionsfelder zu errichten. Manche Missionare hielten sich für Sieger über China und mischten sich unrechtmäßig und willkürlich in lokale politische Angelegenheiten ein. Sie missachteten lokale chinesische Beamte, steckten ihre Nasen in alle internen chinesischen Streitigkeiten und spielten sich als Repräsentanten einer überlegenden Kultur auf. Das hatte zur Folge, dass einige Chinesen ganz schnell zum Katholizismus konvertierten, wenn sie gegen jemanden vor Gericht zogen. Einige Katholiken stützten sich auf die Macht der Kirche und scherten sich nicht um chinesische Gesetze. Manche machten sich sogar die lokalen Behörden gefügig.

1900 brach der im Westen so genannte Boxeraufstand aus, der alle Provinzen in Nordchina erfasste. Es war eine hauptsächlich unter Bauern verbreitete antiimperialistische und patriotische Bewegung des chinesischen Volkes.

Dabei brachen auch die seit einem halben Jahrhundert schwelenden Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten einerseits und der übergroßen Mehrheit des chinesischen Volkes andererseits offen aus. Dem Katholizismus wurde durch den Aufstand ein vernichtender Schlag versetzt. Viele katholische Kirchen wurden zerstört, einige lokale Kirchenorganisationen vernichtet. Nach dem Boxeraufstand zog die Römische Kurie daraus einige Lehren. Sie verfügte, dass sich Missionare nicht mehr in Streitigkeiten chinesischer Katholiken einzumischen hätten und untersagte, gläubige Gesetzesverletzer kirchlich zu decken und deren Missetaten zu vertuschen. Außerdem durften sich die Kirchen und die Missionare nicht mehr in politische und diplomatische Angelegenheiten einmischen. Entsprechend änderten auch einige Diplomaten westlicher Länder ihre bisherige Haltung. Beispielsweise übermittelte die französische Botschaft in China der chinesischen Regierung eine Note, in der festgestellt wurde, dass die französische Botschaft nur für Beschwerden du Klagen französischer Missionare zuständig sei. Rechtskonflikte mit Missionaren aus anderen Ländern möge die chinesische Regierung mit den Botschaften der Heimatländer dieser Missionare verhandeln.

Nach dem Boxeraufstand legten die Missionare neben ihrer Missionstätigkeit zunehmend Wert auf die Errichtung von Schulen und Krankenhäusern sowie auf die Entwicklung des Wohlfahrtswesens. Dadurch gewann der Katholizismus wieder an Einfluss. Einer Statistik zufolge gab es im Jahre 1920 1,97 Mio. chinesische Katholiken. In der Folgezeit wuchs ihre Zahl ständig und belief sich 1940 auf 3,183 Mio. Bis zur Gründung der Volksrepublik China im Jahre 1949 blieb es ohne wesentliche Veränderung so. Viele wurden als Säuglinge getauft, nur weil ihre Eltern dem Katholizismus anhingen.

Nach einer mehr als 100-jährigen Entwicklung des Katholizismus in China, zwischen 1840 und 1949, soll es insgesamt mehr als 3 Mio. chinesische Katholiken gegeben haben. Allerdings stand die chinesische katholische Kirche stets unter Kontrolle ausländischer Missionare und weltlicher ausländischer Mächte. Anders gesagt, nur ausländische Bischöfe hielten die Macht über die chinesische Kirche in ihren Händen. Einer Kirchenstatistik zufolge gab es im Jahre 1903 1075 ausländische Priester, aber nur 499 chinesischer Abstammung in der chinesischen Kirche. Im Jahre 1949 waren es 6024 ausländische Priester und 2155 chinesische. Ein chinesischer Bischof war schwer zu entdecken. Beispielsweise gab es im Jahre 1946 in ganz China 20 Bischöfe, 17 von ihnen stammten aus dem Ausland. Von den 137 gewichtigen Kirchengemeinden standen mehr als 110 unter Verwaltung ausländischer Bischöfe. Viele von ihnen betrachteten die chinesischen Katholiken als ihre Untertanen, die zum Gehorsam verpflichtet waren. Ausdruck dieser Haltung war auch ein damals in allen Teilen Chinas zu beobachtendes Phänomen: auf den Kirchendächern wurden immer die Staatsflaggen der Heimatländer der dort amtierenden Bischöfe und Priester gehisst.

Im 20. Jahrhundert erlebten der Kampf gegen den Imperialismus und die Bewegung zur Rettung des Vaterlandes einen Aufschwung. Auch einige chinesische Katholiken nahmen am Kampf teil. Bei vielen wuchs die Unzufriedenheit, dass chinesische Katholiken noch immer von fremden Priestern geführt wurden und ihre Kirche weiterhin unter Kontrolle ausländischer Mächte stand. Sie traten für eine schnelle Ausbildung chinesischer Geistlicher ein, um die chinesische Kirche endlich selbständig und vom Ausland unabhängig zu machen. Aber Versuche in dieser Richtung wurden bald von den Führungsgremien der Kirche unterdrückt. Zwar gab es eine Minderheit ausländischer Missionare in China, die mit der patriotischen Bewegung des chinesischen Volks sympathisierte oder sie gar unterstützte; doch die Mehrheit lehnte die Bewegung ab und versuchte, die Gläubigen dagegen aufzubringen; manchmal wurde ihnen einfach die Teilnahme an einer patriotischen Bewegung oder Demonstration verboten.

Am 1. Oktober 1949 wurde die VR China gegründet. Ein Grundsatz chinesischer Regierungspolitik wurde die Zusicherung der Glaubensfreiheit für jedermann. Aber der Vatikan lehnte es ab, das neue China anzuerkennen. Einige Führer der katholischen Kirche hielten an ihrem Antikommunismus fest. Sie versuchten, der atheistischen KP Chinas ihren Führungsanspruch im Neuen China streitig zu machen, indem sie behaupteten, Atheismus und Theismus stünden einander unversöhnlich gegenüber, die Liebe zum Vaterland stehe im Widerspruch zum religiösen Bekenntnis und dies seien Propagandabehauptungen. Den Gläubigen wurde verboten, die Führung der KP Chinas zu unterstützen, es wurde ihnen untersagt, gesellschaftlichen Organisationen wie der Gewerkschaft, dem Frauenverband, dem Jugendverband oder gar der KP Chinas anzugehören oder Regierungsfunktionen auszuüben. Natürlich sollten die Gläubigen nach kirchlichem Willen auch nicht an Paraden zum ersten Mai oder zum Nationalfeiertag teilnehmen. Und, nicht zu vergessen, gab es auch einige Priester, die unter der Maske der Frömmigkeit politische, wissenschaftliche und militärische Informationen über China sammelten und sie fremden Mächten zukommen ließen und sich an antichinesischen Aktivitäten beteiligten. In solcher Situation mussten die chinesischen Katholiken nun entscheiden, welchen Weg sie einschlagen wollten.

Am 29. November 1950 verfasste Wang Liangzuo, ein Priester aus dem Guangyuan-Kreis in der Provinz Sichuan, gemeinsam mit mehr als 500 chinesischen Katholiken die Deklaration zur patriotischen Drei-Selbst-Reform. Das war ein an die chinesischen Katholiken gerichteter Appell, sich aus der Abhängigkeit von den Vertretern imperialistischer Mächte zu befreien und eine eigene Kirche der Selbsterhaltung, Selbstverwaltung und Selbstverbreitung zu schaffen. Der Aufruf fand bei vielen Gläubigen starken Widerhall und wurde auch von der KP Chinas und der Volksregierung unterstützt. In der Folge gaben mehrere katholische Persönlichkeiten inhaltlich ähnliche Erklärungen ab und gründeten lokale patriotische Gemeinschaften von Katholiken. Bis Anfang 1956 waren über 200 solche lokale patriotische Gemeinschaften entstanden. 1957 fand die erste Konferenz chinesischer Katholiken in Beijing statt, auf der die Patriotische Vereinigung der Katholiken Chinas gegründet wurde, die sich dann auf einem zweiten nationalen Treffen in Patriotische Vereinigung der Chinesischen Katholiken umbenannte.

In der von der Gründungsversammlung 1957 verabschiedeten Resolution heißt es: "Im nationalen Interesse und im Interesse der Zukunft unserer Glaubensgemeinschaft muss die katholische Kirche gänzlich mit der kolonialen und halbkolonialen Abhängigkeit brechen, in der sie die imperialistischen Mächte in der Vergangenheit gehalten haben. Die Kirche muss selbständig und unabhängig sein; sie muss von chinesischen Priestern und Glaubensbrüdern selbst errichtet und verwaltet werden. Die Kirche kann unter der Bedingung, dass nicht gegen die Interessen, die Souveränität und die Würde Chinas verstoßen wird, religiöse Beziehungen mit dem Vatikan aufrecht erhalten und religiösen Geboten folgen. Politische oder wirtschaftliche Bindungen an den Vatikan sind aber gänzlich zu beenden."

Um das Jahr 1949 herum verließen viele Missionare freiwillig das Festland. Manche Missionare wurden auch aus China ausgewiesen, weil sie mit ihren antichinesischen Aktivitäten gegen chinesische Interessen verstießen. Für die 137 Kirchengemeinden im ganzen Land gab es nur etwa 20 Bischöfe. Das beeinträchtigte stark das religiöse Leben. Im März 1958 wurden die Priester Dong Guangqing und Yuan Wenhua als Bischof-Kandidaten für die Kirchengemeinden Hankou und Wuchang in der Provinz Hubei gewählt. Man schickte der Römischen Kurie ein Telegramm, um den Konsekrationstermin zu vereinbaren und um Zustimmung zu bitten. Doch die Römische Kurie erklärte in ihrem Antworttelegramm, dass die Amtsübernahme der von den Katholiken selbst gewählten Bischöfe ungültig sei. Außerdem wurde eine im Jahre 1951 erlassene Verfügung bekräftigt: Wenn ein Bischof einen anderen konsekriert, der nicht vom Vatikan nominiert und überprüft wurde, werden der Konsekrierte wie auch der Konsekrierende mit einer "schweren Strafe" belegt.

Angesichts dieser Haltung der Römischen Kurie, die den Bedürfnissen der chinesischen Katholiken widersprach, blieb der chinesischen Kirche nichts weiter übrig, als sich ihre Bischöfe selbst zu wählen und zu konsekrieren. Diese Praxis wird bis heute beibehalten.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert unterhält der Vatikan konsequent "diplomatische Beziehungen" mit Taiwan. Aus diesem Grund wurden bis heute keine diplomatischen Beziehungen zwischen China und dem Vatikan aufgenommen. Die Einstellung der chinesischen Regierung zur Frage der Beziehungen zwischen China und dem Vatikan ist klar: Die chinesische Regierung hält konsequent an einer selbständigen, unabhängigen und friedlichen Außenpolitik fest und will die Beziehungen zwischen China und dem Vatikan verbessern. Voraussetzung dafür sind allerdings zwei grundlegende Bedingungen: 1. Der Vatikan muss die so genannten "diplomatischen Beziehungen" zu Taiwan beenden und die Regierung der VR China als einzig legitime Regierung Chinas anerkennen und Taiwan als untrennbaren Bestandteil des chinesischen Territoriums akzeptieren. 2. Der Vatikan darf sich nicht unter dem Vorwand religiöser Angelegenheiten in innere Angelegenheiten Chinas einmischen. Die Beziehungen zwischen China und dem Vatikan sollen in erster Linie die zwischenstaatlichen Beziehungen sein, wie sie international zwischen zwei Staaten üblich sind. Erst nach Aufnahme staatlicher Beziehungen kann über religiöse Fragen gesprochen werden. Die chinesische Regierung unterstützt konsequent die chinesischen Katholiken in ihrer patriotischen Haltung, in ihrer festen Position für eine selbständige und unabhängige Kirche sowie in ihrem Standpunkt bezüglich der Wahl und Konsekration der Bischöfe.

Die katholische Kirche Chinas hält am Prinzip der Schaffung einer selbständigen und unabhängigen Kirche fest. Das bedeutet aber nicht, dass die Verbindungen mit den katholischen Kirchen in den anderen Ländern der Welt abbrechen will. Die Patriotische Vereinigung der Chinesischen Katholiken, die Bischofskonferenz der Katholischen Kirche Chinas und die Kirchengemeinden im ganzen Land haben seit der Gründung des Neuen China, vor allem in den Jahren seit Einführung der Reform- und Öffnungspolitik, Geistliche und andere katholische Persönlichkeiten aus vielen Ländern und Gebieten empfangen. Unter ihnen waren zahlreiche bekannte geistliche Führer und katholische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Auch ausländische Missionare wurden zu Besuchen und Vorträgen nach China eingeladen. Gleichzeitig schickte die katholische Kirche Chinas Delegationen ins Ausland, um Kontakte mit katholischen Kirchen in allen Teilen der Welt zu knüpfen, an internationalen theologischen Seminaren und an Konferenzen über den Weltfrieden bzw. über die Zusammenarbeit der großen Glaubensgemeinschaften der Welt teilzunehmen.

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